Matthias Drobinski, Süddeutsche Zeitung

Meinen ersten Roman begann ich zu schreiben, da war ich zehn Jahre alt. Es war ein heißer Sommertag, ich hatte mich auf die kühle Steintreppe zum Keller in den Schatten gesetzt, den alten Ringbuchkalender meines Vaters auf den Knien, er hatte einen Ledereinband und schien mir wertvoll genug für das Vorhaben. Ich leckte die verbogene Feder des Schulfüllers an, damit die Tinte wieder lief. Los ging es.

Es sollte ein krachender Abenteuerroman werden. Ein Junge fährt auf einem Segelschiff in die weite Welt und übersteht alle Stürme, vom nassen Tod nicht mehr getrennt als durch eine ächzende Holzwand. Das Schiff hieß „Bera“, der Junge nur „Er“, zufällig war er zehn Jahre alt, stand vorne im Bug und schaute in die Weite, denn ein bisschen verträumt war er auch. Doch schon auf Seite 5 zog der erste Sturm auf. Finster wurde es, die Matrosen banden sich auf dem Deck fest. Dann heulte das Unwetter heran. Blitze zuckten, Donner krachten, die Wellen wurden zu Brechern, die über das Deck schossen. Und Brecher folgte auf Brecher und immer mehr Brecher…

Verdammt, was war das? Warum ging es nicht weiter? Wie kamen Schiff und Junge da wieder heraus? Die Wörter gehorchten mir einfach nicht mehr. Sie sprangen im Kopf herum, trampelten mir aufs Kleinhirn und machten sich lustig über mich, trieben Schabernack mit meinen Gedanken. Resigniert steckte ich die Kappe wieder auf den Füller. Ich war erst bei Seite zehn.

Ich bin dann als Journalist und Redakteur eine Art Wörterdompteur geworden. Ich lasse mir von ihnen nicht mehr auf der Nase herumtanzen, wie damals, mit zehn. Ich betrete den Käfig, in denen die Verben, Subjektive und Adjektive, die Gedanken und die Halbsätze sich aufführen wie eine Affenbande. Ich lasse die Peitsche knallen, brülle „Ruhe!“ und verteile ein paar Leckerli. Und irgendwann, kurz vor Redaktionsschluss, sitzt endlich alles brav auf seinem Platz; ja, die Nummer muss immer pünktlich fertig sein, sonst gibt es Mörderärger. Abends bin ich manchmal nur froh, dass ich nicht gebissen wurde, und sehr müde.

Aber es gibt auch die anderen Tage. Dann gehorchen die Wörter, wie auf ein Zauberwort hin, und tun einfach, was ich will. Sie setzen sich von ganz alleine an ihren Platz und führen kleine Kunststücke auf, von denen ich noch gar nicht wusste, dass sie die können, als wollten sie dem alten Peitschenschwinger zeigen: Sieh doch, es gibt noch viel mehr zu sagen, als du selber dir denken kannst! Und dann springt der Funke über zum Publikum (ja: Schreiben drängt immer zur Kommunikation, zum Publikum), und das Publikum ist gerührt, ergriffen, erfreut oder auch erschüttert. Die Manege ist den Wörtern längst zu klein. Sie springen über die Absperrungen, von Leser zu Leser, und beginnen in deren Köpfen ein eigenes Leben.

Dann bin ich sehr glücklich mit meinem Beruf, allem Zeitdruck und allem Stress zum Trotz, allen Überstunden und aller Unsicherheit, die die ganze Medienbranche erfasst hat. Wird uns im Internetzeitalter noch jemand bezahlen wollen? Sieht noch jemand den Qualitätsunterschied zwischen Bloggerei und Qualitätsjournalismus? Werden wir für Chefs und Planer nicht mehr Autoren sein, sondern Contentlieferanten? Spielt alles keine Rolle in solchen Momenten. Sie sind heute lebendig geworden, die Wörter. Das genügt.